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Klaus Steinmann – Kleiner Rückblick
Vom Aufbrechen der Fläche

 

11. Juni – 16. Juli 2022

Von der geometrischen Strenge seiner früheren, oft großformatigen Werke hat der Künstler sich schon lange verabschiedet. Die Konkrete Kunst, die seit den 50er- bis in die späten 80er-Jahre erbitterte Richtungsstreitereien durchlebte und für den Künstler nicht unwichtig, aber auch nicht das Nonplusultra war, hatte sich über die Jahrzehnte öffnen müssen.

Für Klaus Steinmann waren aber auch die amerikanische Farbfeld-Malerei sowie die Minimal Art wichtig.

Die aktuelle Einzelausstellung von Klaus Steinmann versammelt Beispiele aus den frühen 70er- bis 90er-Jahren in Kombination zu seinem kleinformatigen Werkschaffen im neuen Jahrtausend bis zur atelierfrischen Produktion.

Ein großes und wirkmächtiges Bild überstrahlt den ganzen Ausstellungsraum durch seine Reduktion in rote, weiße und blaue Streifen, die einem rechten Winkel folgend als breite Linien nebeneinander gestaffelt sind. Die Mittellinie des ungewöhnlichen und großen Dreieckformats (Höhe 173 cm, Breite 202 cm) ist zugleich die Spiegelachse. Treffend hat der Künstler jüngst die jahrzehntelang titellose Arbeit Tricolore genannt. Allerdings sind es auch mindestens die Farben der Nationalfahnen von Großbritannien und den USA. Der zeitliche Abstand macht’s möglich, der im Guten wie im Schlechten einen neuen frischen (und strengen) Blick zugleich ermöglicht. Mit der Konsequenz, dass plötzlich bisher weniger Geschätztes eine neue Qualität erhält, man/frau als Urheberin sie plötzlich (neu) versteht und wertschätzt, aber auch umgekehrt, dass die bisherigen ‚Götter‘ von ihrem Thron gestoßen werden können.

Der Künstler hat sich in den letzten Jahren vorwiegend auf kleinere Formate konzentriert. Das ermöglicht ihm, sich täglich in seiner Atelierwohnung in Berlin oder in Walsrode mit den immer wiederkehrenden Themen der Geometrie, den Grundformen des Recht- und Dreiecks sowie des Kreises zu beschäftigen. Und zwar geschieht dies im Spannungsfeld seiner Erfahrung aus der hohen Zeit der Konkreten Kunst und der Überwindung ihres strikten Regulariums. Augenzwinkernd konterkariert er diesen strengen Geist, um weiter zu wachsen, neue Möglichkeiten und deren Grenzen auszuloten.

Durch das Aufsägen der kleinformatigen Sperrholzplatte, der Silhouette der gemalten Formen folgend, lässt er diese gezielt aus der Ebene der Leinwand nach vorne kippen und deren Pendent, die andere Hälfte, in die Tiefe gehen. Dadurch entsteht ein verblüffendes Vexierspiel von Vorn und Hinten und erlaubt einem weiteren, hinzugewonnenen Akteur seiner Malerei, dem Schatten, die strenge Geometrie der gemalten Formen aufzubrechen, ihnen eine zarte Modulation einzuhauchen.

Die Malereien erhalten so die für Steinmann so typische Haptik aus dem Malstoff, der Farbe und den reliefähnlichen Strukturen.

Es ist an der Zeit, dass das Werk von Klaus Steinmann neu auf dem Kunstmarkt verhandelt wird, nachdem eine lange Pause, veranlasst durch die Schließung der ihn über viele Jahre repräsentierenden Galerie Walzinger in Saarlouis, einen empfindlichen Rezeptionseinbruch bescherte, der sich erst aufgrund der Vermittlung durch seine langjährige Kollegin und Freundin Ursula Sax seit 2016 zaghaft zu wenden begann. Die Encounter-Ausstellung zusammen mit Colin Ardley 2016 in meinen Räumen und die Einzelausstellung von 2019 Bildtafel – Tafelbild vermochten das Rezeptionsvakuum zu stoppen. Vieles an Vermittlungsarbeit steht jedoch noch bevor. Das Oeuvre hingegen ist substantiell, wenngleich zahlreiche der großen Formate vom Künstler selbst aus Platzgründen zerstört wurden.

Semjon H. N. Semjon, Juni 2022

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