2022 – Branches

2022 – Branches

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Li Silberberg – Bibliothek/Library

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»KioskShop berlin (KSb)« 

Von Dezember 2000 bis zum Frühjahr 2010 hat Semjon H. N. Semjon mit seinem auf Dauer angelegten Projekt »KioskShop berlin (KSb)« in Berlin-Mitte den Einzelhandel und die Kunstwelt auf einzigartige Weise miteinander verbunden.

Seit seiner Eröffnung im Oktober 2001 haben bis zum Frühjahr 2000 rund 7000 Besucher den »KioskShop« besucht.

Auf Umwegen über eine weitere komplexe Kunstinstallation, »Konstruktion der Moderne: Die Berliner Sammlung Dr. Carl Theodor Gottlob Grouwet (1919)« wurde »KioskShop« durch Wände, die den Salon der Sammlung darstellten, quasi eingehaust und zur Galerieeröffnung von Semjon Contemporary im September für 10 Jahre als Straßen-Salon der Galerie genutzt.

Wiederauferstehung

Im Oktober 2021 wurden die Wände wieder abgebaut, um »KioskShop« als Ganzes wieder in Erscheinung treten zu lassen. Die sich abzeichnende Kündigung der Galerieräume nach 10 bzw. 21 Jahren durch die Berggruen Holding, die zwischenzeitlich das Gebäude erworben hatte, veranlassten Semjon nach einem 10-jährigen künstlerischen Sabbatical sein eigenes Werk vermutlich hier in der Schröderstraße ein letztes und vermutetes letztes Mal zu zeigen. Die Zukunft dieser einmaligen Installation war ungewiß. Mit dem Auszug der Galerie hätte der »KioskShop« zerschlagen und wohl zerstört werden müssen.
Das Kunstwerk ist für diesen Ort geschaffen worden (in-situ). U.a. wurden die elastischen Dielen gegen ein erschütterungsfreien Estrichboden ausgetauscht und der Terrazzoboden vom Künstler selbst gefertigt, sowie die selbst entworfenen Ladenmöbel in der Bildhauerwerkstatt gebaut und vor Ort miteinander zu einem Ganzen verschraubt, verspachtelt und lackiert. Eine Treppenverlegung und der Einbau einer Heizung ohne die Beeinträchtigung der Ladenarchitektur gehörten ebenso dazu. 10 Jahre (eigentlich 11) hat das Kunstwerk als fester Bestandteil die Entwicklung der Schröderstraße mitgestaltet. Die Ladeneinheit war im November 2000 die 3. vermietete. 2011 war jeder Laden in der kleinen und besonderen Schröderstraße mit Leben gefüllt.

Die auf Dauer angelegte Installation simuliert einerseits einen kleinen Kiezladen, andererseits spielt das Kunstwerk mit den Wahrnehmungen und löst Reflexionen über die Warenwelt und deren Vertrieb aus. 

Im Mittelpunkt des begehbaren Kunstwerkes stehen unzählige »Product Sculptures«. Es sind mit gebleichtem Bienenwachs überarbeitete Produktpackungen, zumeist samt Inhalt: Brandt Zwieback, Ariel-Waschmittel, Coca-Cola-Dosen, Zeitungen und Zeitschriften, Süßigkeiten, Zigaretten und vieles mehr. Wie in einem Geschäft sind sie seriell in dafür entworfenen und gebauten Ladenmöbeln aufgestellt. Die malerisch weißen und fremd wirkenden Produktskulpturen, das minimalistische Design der weißen Möbel und der hell erleuchtete Raum schaffen Distanz und transzendieren das wohlbekannte Ladenambiente in eine andere Wahrnehmungs- und Erkenntnisebene. »Wie vor einem Gemälde wird Abstand vom Betrachter gefordert und gleichzeitig Neugier geweckt« (Jan Maruhn in einem Text zum »KioskShop« ca. 2001). 

Das Design sollte eine abstrahierende Wahrnehmungsynthese aus der Erinnerung vom längst vergessenen Kolonialwarenladen über den Nachkriegs-Tante-Emma-Laden und dem heutigen, vorwiegend von Migranten betriebenen Späti sein. Die Installation war als Work-in-progress angelegt worden. Wie ein wirklicher Laden kamen ständig neue ›Produkte‹ dazu, die auch zu erwerben waren. Dafür hatte Semjon ein Präsentationssystem realisiert, dass zum einen das empfindliche Kunstwerk physisch schützt, und zugleich seinen Mehrwert durch den Schaukastencharakter optisch und metaphorisch erhöht. Parallel zum Hauptkunstwerk hat Semjon einen ›MultipleShop‹ eingerichtet, der weitere, zumeist Auflagenobjekte oder auch in Serie hergestelle »Product Paintings« angeboten hatte. Zuweilen auch Kunstwerke von den Interventionskünstlern.


Interventionen

Die Interventionenreihe mit Gastkünstlern wurde von Semjon 2003 ins Leben gerufen, um zu überprüfen, ob es möglich ist, in einem eindeutig vorformulierten Ausstellungskontext, wie ihn »KioskShop« darstellte, ›fremde‹ Kunstwerke von anderen Künster:innen vorzustellen, ohne sie zu ersticken bzw. beliebiges Chaos zu kreieren. Dieses Konzept war aufgegangen und bis zum Frühjahr 2011 wurden über 30 sogenannte »Interventionen« mit Gästen durchgeführt. Diese Erfahrung hat sicherlich auch zur späteren Gründung der Galerie Semjon Contemporary geführt.
Im Herbst 2022 wird die Tradition wieder aufgenommen, nicht in einem strengen Rhythmus. Die Intervention XXX-01 wird die Berliner Künstlerin Petra Tödter durchführen.


Finanzierung

»KioskShop berlin« wurde finanziert durch eine Subskriptionssystem, das von rund 20 Förderern getragen wurde. Zudem konnte der Künstler mit dem Kunstwerk sowohl den Hauptstadt-Kulturfonds sowie den Berliner Senat überzeugen, das Projekt substantiell zu fördern. Last but not least, haben auch die Verkäufe der »Produktskulpturen« und der Multiples und »Product Paintings« zur Finanzierung des anspruchsvollen Kunstprojektes beigetragen. Der »KSb« war in all den Jahren täglich von Dienstag bis Samstag von 14 – 19 Uhr für den Publikumsverkehr geöffnet.

 

Zukunft

Über die Zukunft dieser einzigartigen Kunstinstallation lässt sich derzeit noch nichts wirklich vorhersagen. Bis zum 30. Mai 2017 ist KioskShop durch einen neuen Mietvertrag geschützt. Ob der Mietvertrag dann tatsächlich dann enden wird, hängt sicherlich von mehreren Faktoren ab, die sich zur Zeit nicht überschauen lassen. Qua Vertrag ist dies so geregelt.

Wenn Sie das Überleben des »KioskShop berlin«  mit Networking, einem Artikel oder einer Spende unterstützen möchten, wenden Sie sich bitte an Semjon unter office{at}semjoncontemporary.com
Das ortsspezifische Kunstwerk ist in der Berliner, aber auch innerhalb der deutschen und internationalen Kunstwelt etwas besonderes, ein Gesamtkunstwerk, das es in dieser Radikalität bisher nicht gegeben hat.

 

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