Tafelbild – Bildtafel
Klaus Steinmann

9.2. – 16.3.2019

Im Grenzbereich der Malerei –
Malerei und Plastik bedingen sich im Werk von Klaus Steinmann

In seiner ersten Einzelausstellung bei Semjon Contemporary zeigt Klaus Steinmann Werke der letzten Jahre.
Zuvor hatte er 2016 zusammen mit Colin Ardley die Dialogausstellung durchgeführt und war 2017 beteiligt an der Galerie-Gruppenausstellung Penetrating Paper: Gebohrt, Geschnitten, Gefaltet… Zwischendurch sind seine Werke ebenfalls in einigen Accrochage-Ausstellungen sowie Salon-Hängungen zu sehen gewesen. Klaus Steinmann ist also mit seinem Werk längst eingeführt in den Kanon der Galeriekünstler und Kreis der Galeriefreunde.

Rund 30 Jahre lang wurde der Künstler von der renommierten, auf Konkrete Kunst spezialisierten Galerie Walzinger aus Saarlois vertreten (u.a. zusammen mit Hartmut Böhme, Leo Erb und Eva Niesrath). Mit dem Tod des Galeristen 2014 wurde auch die Galerie geschlossen.
1981 konnte Klaus Steinmann im Neuen Berliner Kunstverein in einer Einzelausstellung sein bis dato geschaffenes Werk vorstellen. 1992 und 1994 folgten später Einzelausstellungen im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen und im Kunstverein Augsburg.

Von der geometrischen Strenge seiner früheren, oft großformatigen Werke hat der Künstler sich schon lange verabschiedet. Die Konkrete Kunst, die seit den 50er bis in die späten 80er Jahre erbitterte Richtungsstreitereien durchlebte und für den Künstler nicht unwichtig aber auch nicht das Nonplusultra war, hatte sich über die Jahrzehnte öffnen müssen. Noch 2013, als ich mit den Galeriekünstlern Colin Ardley, Dirk Rathke und Dittmar Krüger auf Einladung des Forum für Konkrete Kunst in Erfurt beim Kolloquium Blick zurück und voraus ein Gespräch über die sich notwendig auflösenden Grenzen der Konkreten Kunst – zum Schutz ihrer selbst willen – thematisierte, bekamen wir im Auditorium mit, dass es noch ‚knisterte‘.* Für Klaus Steinmann waren aber auch das amerikanische Colorfield Painting (Farbfeld-Malerei) sowie die Minimal Art wichtig.

Der Künstler hat sich in den letzten Jahren vorwiegend auf kleinere Formate konzentriert. Das ermöglicht ihm, sich täglich in seiner Atelierwohnung in Berlin oder in Walsrode mit den immer wiederkehrenden Themen der Geometrie, den Grundformen des Recht- und Dreiecks sowie des Kreises zu beschäftigen. Und zwar geschieht dies im Spannungsfeld seiner Erfahrung aus der hohen Zeit der Konkreten Kunst und der Überwindung ihres strikten Regulariums. Augenzwinkernd konterkariert er diesen strengen Geist, um weiter zu wachsen, neue Möglichkeiten und ihre Grenzen auszuloten. Das gelingt ihm auf subtile und erfrischende Art und Weise. Der Künstler baut sich selbst kleine Hürden, um das Glatte, das Berechenbare zu umgehen: Auf die Holztafel, zumeist sind es dünne Birkensperrholzplatten, zieht er einen Leinwandstoff oder grobes Tuch auf. Die Struktur des Materials ist evident, gemahnt an Leinwand, doch ermöglicht ihm das Material Sperrholz die plane Fläche skulptural aufzubrechen, und zwar in der Art, dass z.B. ein monochrom aufgemaltes Quadrat oder Hochrechteck durch das Aufsägen der Silhouette dieser Form gezielt aus der Ebene der Leinwand nach vorne kippt und sein Pendent, die andere Hälfte, in die Tiefe geht. Dadurch entsteht ein verblüffendes Vexierspiel von Vorne und Hinten und erlaubt einem weiteren hinzugewonnenen Akteur seiner Malerei, dem Schatten, die strenge Geometrie der gemalten Formen aufzubrechen, ihnen eine zarte Modulation einzuhauchen. Gleichzeitig werden die vorkragenden Kanten, so Licht darauf fällt, optisch erhöht, weil des Weiß dort weißer ist als der allgemeine weiße Malgrund. Das gesamte Tafelbild oder die Bildtafel wird subtil und spielerisch belebt.
Dem Künstler ist übrigens die Eigenwilligkeit der dünnen Birkenholzplatten sympathisch. Dass sich die Tafeln mitunter verziehen, stört ihn partout nicht. Im Gegenteil: Er nimmt das Holzverhalten mit Humor und erfreut sich an seiner Individualität, seiner Nicht-Zähmbarkeit.

Wenn man sich die Geschichte des (abendländlichen) Tafelbildes vergegenwärtigt, als noch ursprünglich die Malerei auf eine Holztafel aufgebracht wurde, und dann auch von ihrer Kontextualisierung weiß und dem Einbau dieser in ein Rahmenwerk eines z.B. frühen christlichen Altars – fixiert mittels kleiner Holzriegel, dann bekommen die Tafelbilder von Klaus Steinmann einen zusätzlichen augenzwinkernden Twist. Die Rückseiten seiner Gewerke sind ein zusätzliches augenfreundliches Vergnügen: Die nach vorne oder hinten klappenden Flächen werden nämlich durch kleine zarte, eingeleimte Riegelchen fixiert, die je nach Komposition des Bildes mit seinen geometrischen Grundformen ein zusätzliches spannungsreiches Spiel vorführen. Synchron zum einzelnen Altarbild im Gesamtgefüge eines Altars, sind seine gemalten und gekippten Einzelformen im sehr frei übertragenen Sinne die Altarbilder. Erst sie gemeinsam ergänzen sich zum Großen und Ganzen eines einzelnen Bildes, wie die einzelnen Altarbilder die Heilsgeschichte Christi in einzelnen Bildern zur großen Erzählung aufschlüsseln.

In ganz neuen Werken erlaubt sich der Künstler ein weiteres Stück Freiheit. Die Spannung zwischen der geometrischen, monochromen Form und einer neu hinzukommenden biomorphen Struktur wird zum Thema. Auf schründiger und rissiger, weiß gefasster Birkensperrholzoberfläche, dieses Mal nicht mit Tuch bespannt, werden die dem Material geschuldeten Erhebungen wie bei einer Höhenlandkarte zur Herausforderung: Die strenge geometrische Form wird an ihren Kanten gemäß dem Verlauf der Holzmaserung aufgebrochen. Nur bestimmte Perspektiven erlauben die Klarheit der strengen Form. Von anderen Standpunkten aus gesehen treppt sich plötzlich die Silhouettenlinie, wird zum humorvollen Kommentar des Künstlers.

Der Maler Klaus Steinmann ist aber auch ein Freund des Dreidimensionalen. Dies bezeugen die kleinen Objekte oder auch Hängeobjekte seit den 70er Jahren, die allesamt auch als Modelle für größere Skulpturen fungieren könnten.
Mit sparsamen Eingriffen durch Einschnitte und Faltungen wird eine einfache Form, z.B. die eines Kreises, oder eines Ovals in ein komplexes, in alle Richtung weisendes Objekt verwandelt, das sich durch gezielt eingesetzte Farbfassungen in unterschiedlicher Form und Farbgestalt offenbart. Eines seiner neuesten Objekte, direkt für die horizontale Nische im Straßen-Salon geschaffen, verblüfft einmal mehr durch die Ausgewogenheit von Form und Farbe zu einem irritierenden, weil horizontal ausgerichteten Objekt, das in seiner Form an eine liegende, geometrisierende Acht erinnert. Es ist die Teilfläche eines Ovals, gefaltet um eine Achse, aufgebrochen durch eine ausgeschnittene Binnenfläche und partiell mit einem Kadmiumgelb und einem warmen Kadmiumrot bemalt. Die Faltung (eigentlich ist es keine Faltung, denn das Material ist Sperrholz, also sind die Flächen winkelig zueinander verleimt) verursacht in unserem Gehirn, dass die eigentlich simple Form kompliziert wird. Hier zeigt sich, dass der Maler ausgesprochen dreidimensional denken kann, was ja in seiner Malerei bereits fassbar ist. Der humorvolle Charakter des Künstlers offenbart sich zudem auch in einer weiteren beabsichtigten Objekteigenschaft: Es ist ein Wipp-Objekt!
Seine vertikal ausgerichteten Objekte, mal auf einem kleinen Holzsockel, mal als Hängeobjekt konzipiert, atmen den gleichen Geist zauberhafter Eleganz. Die einfache Form, geschickt um eine Achse ‚gefaltet‘, versehen mit einem ausgeschnittenen Negativraum und dann auf jeder Seite andersfarbig bemalt (hier wird auch das Weiß zur Farbe!) inhaliert die Geschichte der konstruktiven Plastik im Allgemeinen und atmet frisch das Heutige in seiner Ambivalenz aus. Das gleiche lässt sich zu seiner Malerei sagen. Deswegen ist Klaus Steinmann, wenn auch ursprünglich von der Konstruktiven Kunst nicht unberührt, absolut im Heute schaffend und lebend, frisch und frei!

Semjon H. N. Semjon
Januar/Februar 2019

*Leider ist diese Institution inzwischen geschlossen worden. Die Kunst wird in Erfurt gar stiefmütterlich behandelt!

 

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