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5. Totale Installation von Experimental Setup
(14.12.2019 – 19.1.2020)

Die Seele atmet

Unüberhörbar dominiert in gleichmäßigen Zügen, in stetig sich wiederholendem Rhythmus der Sound eines Ventilators den Raum. Gleich einem Ein- und Ausatmen belebt es durch die Luftzufuhr einen Overall, der plan auf dem Boden liegt und dessen Kragen den Apparat beherbergt. Das luftundurchlässige Material des Tuchsacks mit Kragen, Rumpf sowie offenen Ärmeln und Beinen hebt und senkt sich in regelmäßigem Takt, gleich einem atmenden menschlichen Körper. Das gleichmäßige, ja beruhigende Rauschen könnte auch der Widerhall des Gezeitenspiels des Meeres sein, wenn das Wasser im Wellengang auf den Strand rollt. Dieser Sound in seinem gleichmäßigen Rhythmus begleitet die Ausstellung unüberhörbar, lässt unseren Puls unbewusst verlangsamen, und kann uns hinführen zu einem aufmerksamen Betrachten und uns Einlassen auf die vor uns inszenierte Welt des Künstlerkollektivs Experimental Setup. Der Titel dieses Werks, Seele, verweist auf das, was wir nicht genau definieren können, aber darum wissen, dass es entweicht, geht der Mensch oder das Tier vom Zustand des Lebens über in den Tod. Das Prinzip der Dualität und Gegensätzlichkeit ist bereits im Essentiellen, im das Leben definierenden Atmen, eingeschrieben. Seele, oder psyche genannt, ist die Klammer des Lebens und gleichzeitig die metaphorische Klammer in der 5. Totalen Installation der beiden das Kollektiv Experimental Setup bildenden Künstler Kata Hinterlechner und Bosko Gastager.

Schon vom Straßenraum wird die Aufmerksamkeit des Passanten auf den Ausstellungsraum gelenkt, verfängt sich der Blick unwillkürlich in einem sich bewegenden Lichtkegel, der durch einen sich drehenden, ohne Lichtbild bespielten Diaprojektor den Raum durchmisst: mal fokussierend scharf als kleiner weißer Lichtkreis – die Maschine steht nahe zur Wand –, mal einen großen Lichtkegel bildend beim Auftreffen auf die gegenüberliegende Wand. Steht der Betrachter im Raum, wird sein Schatten zu einem Teil der gesamten Inszenierung. Seher heißt dieses Kunstwerk und spielt erneut auf den antiken Mythos an. Die Maschine schreibt orakelhaft die Präsenz des Ausstellungsbesuchers an die Wand, in das Kunstwerk, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sibyllinisch überlässt es uns alleine die Deutungshoheit – sollten wir bereit sein, in die Wirklichkeit dieser künstlerisch gestalteten Welt einzutauchen und über das Sehen die Dinge und ihre Schönheit zu begreifen.

Und die Schönheit ist das zentrale Thema dieses Werkes. Die die 5. Totale Installation eröffnende Lecture Performance von Bosko Gastager fasst zusammen und erklärt die Entstehung der Welt und die Geburt der Schönheit, der Harmonia, als einen Vereinigungsakt der Gewalt, des Krieges, personifiziert durch Ares, mit der Göttin der Liebe, Aphrodite, die im Vereinigungsakt ihren Ehemann Hephaistos hintergeht. Die Frucht dieser Vereinigung ist Harmonia. Bosko Gastager: Harmonia, die Vereinigende, ist selbst Resultat einer Vereinigung des Gegensätzlichen, der Vereinigung von Schönheit und Krieg, aber sie ist Resultat einer schändlichen Vereinigung. Und diese Schande wird sie auch weiterhin begleiten. Harmonie, so lehrt uns der antike Mythos, ist der nur durch Gewalt herstellbare Gleichklang des Verschiedenen. Es ist nicht die Assonanz oder Addition des ohnehin Gleichen, es ist der Zusammenklang des Differenten. Harmonie zu erzeugen heißt, das, was auseinanderstrebt, zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Darin liegt die Schönheit.
Allerdings: Auch und gerade im Streben nach wahrer Harmonie lauert das Gewaltsame, in einem weit über das Ästhetische hinausgehenden Sinn. Denn die Harmonie duldet keinen Unterschied zu dem, der seine Wahrheit nicht als Element der Verbindung manifestiert. Das Einzelne wird so nur unter der Perspektive seines Beitrags zum harmonisch Ganzen gesehen, die Schönheit der Harmonie ist immer brüchig und bedroht.

Als Demonstration führt das Künstlerpaar exemplarisch vor, wie aus Gewalt Schönheit entstehen kann:
In einer brusthohen, ca. 30 cm tiefen Holzbox, Opferbox genannt, die vorne mit einer Plexiglasscheibe das Innere einsehbar macht, hängt an vier Nylonfäden im oberen Drittel ein zarter Ring. In diesem Ring – als Zugang zur Box dient eine tellergroße kreisrunde Öffnung – wird ein schwarz gefärbtes Ei arretiert, das mit Farbe gefüllt ist und mittels einer Zündschnur zur Explosion gebracht wird. Das große Öffnungsloch zur Box wird während des Explosionsvorgangs von einem der Künstler abgedeckt. Die brusthohe Schürze, die sie vor den Farbeinschlägen schützt, wird vor der Handlung in einem Ritual jeweils dem anderen Partner übergezogen. Die Künstler werden zu Schamanen. Die Schürzen mit den farbigen Spritzern sind danach ein weiteres Relikt der Opferhandlung und sind an der Wand als Ausstellungsobjektpaar installiert (vgl. das Motiv der Einladungskarte).
Der Akt der Zeugung des Kunstwerkes wird hier zur künstlerischen Performance, auch das Resultat, das Artefakt, wird zur Kunst. Die drei Farben, die in das Innere der Box, also auch auf die Plexiglasscheibe geschleudert werden, hinterlassen eine Malerei, die zwischen der Farbexplosion und einem Drip Painting mäandert und mithilfe der Box sich selbst Halt und einen Resonanzraum, ein Zuhause gibt. Die Malerei ist zugleich Objekt – die zerborstenen Eier sind durch die Explosion auf den Kistenboden ‚kunstvoll‘ verteilt. Das Werk kann als malerische Raumskulptur für sich selbst wirken und zugleich die Geschichte seiner Entstehung erzählen.

Und so verhält es sich mit allen Artefakten der 5. Totalen Installation: jedes Werk hat seine Geschichte, jedes Werk trägt einen Titel, der aus der vielgestaltigen Welt des Mythos entlehnt ist oder auf ein Ereignis in dieser verweist.

So vielgestaltig die griechische Mythologie ist, so vielgestaltig sind die Kunstwerke, die das Duo erschafft. Alle Medien sind vertreten. Von der Malerei über die Zeichnung, von der Collage zum Objekt, von der Lichtinstallation bis zum kinetischen (Licht-)Objekt über die performative Narration. Der Kosmos dieser Welt ist eine Wunderkammer ihres schöpferischen Reichtums und verweist auch physisch auf die Geschichte und die Erscheinung ebensolcher. Alle Kunstwerke stehen in einer Beziehung zueinander und ergeben ein Ganzes, die Harmonia. Auf den Punkt genau gesetzt in einem spannungsreichen Miteinander, in ihrer eigenen Hängungsinszenierung:
Ein Gesamtkunstwerk, dessen einzelne Protagonisten auch (käuflich) separiert werden können, sind sie doch aufgeladen mit ihrer jeweils eigenen Schönheit und Geschichte.

Semjon H. N. Semjon
Dezember 2019

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